Orlando und Istanbul – Trauer und Wut

Demo-Teilnehmerinnen in Istanbul
Ein Polizist feuert Gummigeschosse ab
 
 
Immer öfter sind Stimmen von ausserhalb unserer Community zu hören, was die ganzen Demos und Paraden überhaupt noch sollen. Wir seien doch längst gleichberechtigt und würden schon lange nicht mehr diskriminiert oder ausgegrenzt. Mag sein, dass wir hier in Westeuropa tatsächlich schon einen Schritt weiter (aber noch längst nicht am Ziel) sind.
 
Wenn wir unseren Blick jedoch nach Osten oder in die Türkei wenden, wird sehr schnell klar, welchen Repressalien die LGBT-Gemeinde dort immer noch ausgesetzt ist, Tendenz steigend: Jüngstes Beispiel ist eine Demo vom 19. Juni 2016 im Zentrum Istanbuls. Dort wurden ca. 50 Homo- und Transsexuelle von der Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen auseinandergetrieben. Die Demonstration mit dem Titel "Trans Pride" fand im Zusammenhang mit der beginnenden LGBT-Woche in der Türkei statt, in deren Rahmen zahlreiche Veranstaltungen geplant sind. Das könnte nur ein bitterer Vorgeschmack gewesen sein, denn die grosse Gay-Pride-Parade am kommenden Sonntag auf der zentralen Einkaufsstraße Istiklal haben die Instabuler Sicherheitsbehörden vorsorglich schon verboten – angeblich wegen Sicherheitsbedenken.
 

Auch im Attentat von Orlando hat sich die hässliche Fratze der Homophobie gezeigt. Es war nicht nur ein Terroranschlag, sondern auch ein Verbrechen, das aus Hass gegen eine Gruppe geschah, die ohnehin schon an den Rand gedrängt wird. Denn trotz aller Fortschritte in den vergangenen Jahren: In konservativen US-Bundesstaaten kämpfen Schwule, Lesben und Transgender gegen viele Gesetze, die die Uhr zurückdrehen und ihre Rechte unter dem Deckmantel religiöser Freiheit einschränken sollen. North Carolina zum Beispiel zwang Transgender erst vor wenigen Wochen per Gesetzesvorstoss, die Toilette zu nutzen, die ihrem biologischen Geschlecht entspricht. In Mississippi dürfen Geschäftsleute ihren Kunden wegen ihrer sexuellen Orientierung die Dienste verweigern, in Tennessee bekommen sie im Zweifel keine psychologische Behandlung, in vielen US-Staaten gibt es keinen Schutz gegen Diskriminierung vom Arbeitgeber oder Vermieter.

Der Wind dreht, seien wir wachsam! Deshalb: Pride – jetzt erst recht!

Bild: Aufnahme an der Gedenkfeier für die Opfer des Orlando-Attentats.

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